![]() |
|||||||
Lawinenhunde
Die Aufgabe des Lawinenhundes ist, die Verschütteten
so rasch wie möglich
unter der Schneedecke zu orten und anzuzeigen. Der Einsatz fordert nicht nur
den Hund, der Führer muss fachlich und körperlich in der Lage sein,
auch unter erschwerten Bedingungen seinen Hund kompetent zu führen.
Die
Rettungsmannschaften sind auf die Unterstützung anderer Organisationen
angewiesen.
Werden doch viele Rettungseinsätze in unwegsamen Geländen mittels
Helikopter angeflogen, da diese zu Fuss nicht erreicht werden können.
Lawinenrettungshunde: Rottweiler Pascha ist einsatzfähig
Die Geschichte der Lawinenrettungshunde begann im Winter 1937/38 als eine Gruppe Tourengänger am Schilthorn von einer Lawine verschüttet wurden. Den Rettungsleuten schloss sich ein Niederlaufhundmischling an. Einer der Retter beobachtete, wie der Hund sich seltsam verhielt: Er scharrte ausserhalb des Suchbereichs, lief zu den Rettungskräften winselte und lief wieder zur selben Stelle zurück, bis die Männer dort zu schaufeln begannen und einen Verschütteten lebend bergen konnten.
Daraufhin wurden Sanitätshunde der Armee auf heruntergegangenen Schneebrettern eingesetzt. 1945 übernahm der Schweizerische Alpenclub SAC die Ausbildung von Lawinenhunden und tut dies auch heute noch.
Doch auch die Polizei bildet Lawinenrettungshunde aus. Die meist verbreiteten Rassen in dieser Sparte sind Schäferhunde, Border Collies, Labrador, aber auch Mischlinge. Etwas weniger sieht man im Lawinenrettungswesen den Rottweiler, doch auch diese Rasse kann sich durchaus hervorragend dazu eignen. Schon 1985 hatte die Schweiz einsatzfähige Lawinenrettungshunde der Rasse Rottweiler, so auch Pascha der seit dem Winter 2003/04 einsatzfähig ist.
Pascha ist ein vierjähriger Rottweilerrüde, der von Kuno Fassi, Diensthundeführer der Kantonspolizei Graubünden, zum Diensthund und Lawinenhund ausgebildet wurde. Heute ist der Rüde das zweite Jahr einsatzfähiger Lawinensuchhund. Kuno Fassi und Pascha hatten bis heute noch keinen Ernsteinsatz, da zum Glück in ihrem Einsatzgebiet im letzten Winter und bis jetzt kein Lawinenunglück zu verzeichnen war.
Die Ausbildung zum Lawinenrettungshund gestaltet sich wie folgt:
Im ersten Jahr absolviert das Hunde- Führerteam einen sechstägigen Ausbildungskurs (AK1) und während des Winters vier Übungen.
Im zweiten Jahr besuchen Hund und Hundeführer wieder einen sechstägigen Kurs (AK2) und weitere vier Übungen im Winter.
Vor jedem dieser beiden Kurse muss ein Eignungstest absolviert werden.
Sind beide Kurse erfolgreich abgeschlossen, ist das Team einsatzfähig.
Ein Jahr darauf muss der AK2 durch einen Bestätigungskurs, der wiederum sechs Tage dauert, und vier Einsatzübungen enthält, bestätigt werden usw.
Um die anspruchsvolle Ausbildung zum Lawinenrettungshund überhaupt absolvieren zu können, müssen Hund und Hundeführer hohen Ansprüchen entsprechen. Der Hundeführer muss sich einem Eignungstest unterziehen, bei dem auch die Fitness eine grosse Rolle spielt. Zum Beispiel muss er eine bestimmte Lauflimite erreichen und einen grösseren Aufstieg auf Tourenskis mit anschliessender Abfahrt im Tiefschnee in entsprechender Zeit absolvieren.
Vom Hund wird ebenfalls eine sehr gute Kondition und hohe Ausdauer verlangt. Selbstständiges suchen ist ebenfalls Bedingung, wobei sich der Hund vom Führer auf grössere Distanz lösen muss. Auch das Grabverhalten muss sehr ausgeprägt sein. Nebst Pascha gibt es in der Ostschweiz noch zwei weitere einsatzfähige Rottweiler- Lawinenrettungshunde. Zurzeit, wird Pascha auch noch als Suchhund ausgebildet, was sich sehr gut mit dem «Lawinenhündelen» ergänzt.
Bericht: Corinne Gosetti, Foto: Kuno Fassi
In der Lawine schrie er zu Gott
Als sie zum Stillstand kam, war Ueli Bruderer im Schnee wie eingemauert. «Jesus, du siehst, wo ich bin!», schrie er noch. Dann verlor er das Bewusstsein mitten in der Lawine.
Extrem windig ist es am Crasta Mora. Auf dem flachen Grat müssen Ueli Bruderer, 62, und Martin Zbinden, 54, streckenweise kriechen - derart stark ist der Wind. Der Crasta Mora im Engadin gilt als relativ lawinensicher. Bruderer und Zbinden kennen ihn gut: Schon fünf Mal sind sie mit den Tourenski auf dem 2952 Meter hohen Berg gewesen. Doch nie zuvor hat es so stark gewindet. Sie ahnen nichts von der Gefahr.
Kampf ohne Chance
So kalt ist es auf dem Grat, dass die beiden schon nach wenigen Minuten die Abfahrt antreten. Ueli macht ein paar erste Schwünge und will dann stoppen. Doch er kann nicht. «Das war der erste Schreck», erinnert er sich. «Ich merkte, dass etwas passiert - der Instinkt sagte mir: Reiss sofort die Ski heraus und weg!» Doch er kommt nicht mehr aus den sich bewegenden Schneemassen heraus. Das ist sein zweiter Schreck: ausgeliefert! Die Lawine reisst ihn mit, treibt ihn auf zwei Felsblöcke zu. Ueli versucht, zwischen ihnen hindurch zu steuern. Doch in diesem Moment staut sich die Lawine, und der Schnee deckt ihn zu. Es ist 15.05 Uhr.
Die Lawine hat auch Zbinden erfasst, ihn jedoch nur bis zur Hüfte zugedeckt. Mit der Schaufel aus seinem Rucksack kann er sich ausgraben. Er ruft nach Ueli – keine Antwort. Die Lawine ist 80 Meter breit und 250 Meter lang, wird die Polizei später feststellen. Nichts ist zu sehen. Suchgeräte haben die beiden nicht bei sich. Martin Zbinden erkennt, dass er keine Chance hat, den Freund selber zu finden. Er beschliesst, nach La Punt abzufahren und Hilfe zu holen.
Schreie im Schnee
«Ich hörte ein grosses Rauschen und wurde einfach beerdigt», beschreibt Ueli Bruderer den Moment, in dem er von der Lawine zugedeckt wird. «Und dann fühlt man einen furchtbaren Druck. Schnee überall, auch vor seinem Gesicht.» Unbeschreibliche Panik. «Ich will mir Luft verschaffen, rüttle mit dem Kopf, versuche, die Hand zu bewegen. Doch es geht nicht. Lawinenschnee ist wie Beton.» Ueli ruft nach Martin. Nach jedem Schrei ringt er nach Luft. Durch den Schnee dringt nur wenig Sauerstoff. Dann schreit er zu Gott: «Jesus, du siehst, wo ich bin!» Er ringt nach Atem. «Wenn du willst, dass ich einen neuen Auftrag erfülle...» Er ringt nach Atem. «...dann musst du mich hier herausholen!» Er wiederholt er sein Stossgebet - dann verliert er das Bewusstsein.
Nein, ein Lebensfilm sei nicht vor ihm abgelaufen. «Dazu hatte ich keine Zeit. Ich musste Gott anrufen, solange ich noch konnte.» Nur etwa drei oder vier Minuten, schätzt er, sei er bei Bewusstsein geblieben.
Ganzer Einsatz trotz geringer Chance
Bis La Punt braucht Martin Zbinden fünf Viertelstunden. Er stürmt ins Hotel, wo er und Bruderer in den Ferien sind, und telefoniert der Rettungsflugwacht. Um 16.25 Uhr starten in Samedan zwei Hubschrauber. Einer landet kurz in La Punt, um Zbinden aufzunehmen. Dann fliegen sie hinauf zum Crasta Mora. Die Helfer wissen: Nach so langer Zeit sind die meisten Verschütteten bereits tot.
«Wir sind jetzt an der Unfallstelle angekommen», melden die Retter per Funktelefon ins Hotel, wo Bruderers Frau und die Freunde bangen und beten. Fünf Hundeteams sind im Einsatz, darunter auch Hundeführer Gian Paul Caratsch, 60, und sein Deutscher Schäfer Pol. In 35 Jahren hat Caratsch 60 Lawineneinsätze mitgemacht. Erst einmal hat er einen Verschütteten lebend gefunden.
Körpertemperatur 33 Grad
Pol ist es, der Ueli Bruderer nach 15 Minuten ortet. Die Helfer graben und legen seinen Kopf frei. Er sitzt aufrecht im Schnee - und er lebt! «Die Retter haben mir gesagt, ich hätte gebrüllt wie ein Stier», erzählt Ueli. Er selber kann sich daran nicht erinnern. Nur unbewusst realisiert er seine Rettung.
Noch können die Retter nicht sagen, ob der Mann überlebt. Seine Körpertemperatur beträgt noch 33 Grad, doch er ist unverletzt. Um 17.40 Uhr startet der Hubschrauber. 12 Minuten später ist Bruderer im Kantonsspital Chur. Das erste, woran er sich wieder erinnert, ist ein silbern schimmernder Sack, in dem er liegt, und aus dem ihm warme Luft entgegen strömt.
«Er ist sehr ansprechbar», meldet der Arzt nach La Punt. Und: «Wir haben keine Schäden gefunden.» Zwei Stunden und zwanzig Minuten war Ueli Bruderer verschüttet. Nach so langer Zeit beträgt die Überlebenschance noch etwa 3 Prozent.
Ein Entrecôte für Pol
Drei Tage später kehrt der Gerettete mit seiner Frau ins Engadin zurück. «Ich wollte all meinen Rettern danken», sagt Ueli. Im Hotel gibts ein kleines Fest. Bruderer spendiert zwei Entrecôtes - eines für Caratsch und eines für Pol. Seit er als Kind von einem Hund gebissen worden war, hatte Ueli Angst vor Hunden. «Heute», sagt er, «habe ich immer noch Respekt vor ihnen, aber auch eine grosse Liebe.» Er lacht herzhaft. Dann zeigt er den offiziellen Flugrapport der Rega. Darauf heisst es über seine Rettung: «Überlebt wie durch ein Wunder.»
Quelle: „4telstunde für Jesus“ – Verteilzeitung der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) – Osterausgabe 2004.