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Blindenführhunde
Ein Blindenhund leistet im Leben eines Erblindeten zwei wesentliche Beiträge zur Steigerung des Lebenswillen und Lebensfreude bei. Im einen ist er ein Begleiter in allen Lebenslagen, zum anderen ein Partner und Stütze in kritischen Lebensphasen.
Ein Blindenhund zeichnet sich durch sein Wesen, Beziehung zum Mensch, Temperament und gute Erbanlagen aus. Seine Nervenfestigkeit ist unbedingt erforderlich. Aber auch die Anforderungen an den Blindenführhundehalter sind hoch und vielfältig. Eine konsequente Haltung ist ebenfalls Voraussetzung.
Deutscher Schäferhund im Führgeschirr: Gemeinsam sehen...
Der Verein für Blindenhunde und Mobilitätshilfe VBM in Magden/Schweiz bildet Hunde aller Rassen aus. So absolvierte auch der Deutsche Schäferhund «Duke vom Gsollhof» in Magden seine Ausbildung zum Blindenführhund.
«Er ist ein toller Typ und es gibt keinerlei Probleme» beschrieb Hansjörg Adler, Schulleiter, den jungen Deutschen Schäferhund. Duke ist Ende Januar 2002 zur Welt gekommen und ein «Quereinsteiger» in den Beruf des Führhundes. Wie jeder Welpe fand er seinen Lebensplatz, konnte dort jedoch nicht bleiben und kam in die Zuchtstätte zurück. Seine Züchterin erkannte, dass er mit seinem Wesen alle Punkte für einen Blindenhund erfüllt und setzte sich mit dem VBM in Verbindung. Duke bestand den Eignungstest und trat in Magden seine Ausbildung an.
Zwei Punkte sind für diese Eignung sehr wichtig. Der Hund muss absolut gesund sein und sein Wesen muss gewährleisten, dass er diese wichtige Aufgabe ohne Probleme erfüllen kann. Die Ausbildung eines Hundes ist aufwändig und sehr teuer und der Hund muss seinen «Beruf» über Jahre ausführen können.
Um einen für die Ausbildung geeigneten Hund zu finden benötige es eine grosse Anzahl von Welpen. Aus diesem Grunde verzichte die Schule darauf, eine eigene Zucht zu führen und arbeite mit interessierten Züchtern zusammen. Hier bestehe die Möglichkeit, aus einem Wurf frühzeitig Welpen auszusuchen.
Welpen und Junghunde werden einer umfangreichen Begutachtung unterzogen, bevor sie von der Schule übernommen werden. Die Triebentwicklung, seelische und körperliche Empfindlichkeit, Ausdauer, Neugierde, Gedächtnis und weitere verschiedene Feststellungen über Verhalten werden bei der Begutachtung geprüft. Ein Blindenhund muss nach der Ausbildung selbständige Entscheidungen treffen können - diese sind für seinen sehbehinderten Partner lebenswichtig.
Die ersten 12 Monate verbringt der angehende Blindenhund bei einem Junghund-Trainer, der speziell für seine Aufgabe ausgebildet ist. Ohne Überforderung wird der in den Familienbereich integrierte Hund nach und nach mit allen Anforderungen der Umwelt vertraut gemacht. Stadtverkehr, Restaurants, Geschäfte, verschiedenste Gebäude, Lift, Bahn, Tram und Bus, Fahrten im Privatwagen und vieles mehr lernt der junge Hund in dieser Zeit kennen. Auch dem artgerechten Verhalten im Umgang mit Artgenossen wird grosse Beachtung geschenkt. Bei der Angewöhnung an das erwünschte Verhalten wird viel Konsequenz, aber wenig Druck im Sinne von Dressur angewandt. Auch ein umfangreiches gesundheitliches Programm wird in dieser Zeit zusätzlich zu den Impfungen und Entwurmungen vorgeschrieben: Im Alter von 10 bis 12 Wochen eine erste erweiterte medizinische Untersuchung, Augenuntersuchung auf vererbbare Krankheiten und im Alter von ca. 12 Monaten eine zweite Untersuchung, welche auch orthopädische-neurologische Bereiche einschliesst und das Röntgen der Hüfte und Ellbogen. Zudem werden alle Hunde kastriert.
Aufgrund dieser medizinischen Ergebnisse und einem weiteren Test entscheidet sich, ob der Junghund seine « Berufsausbildung » antritt oder die Anforderungen nicht erfüllt und bei seiner Familie bleibt.
Der VBM verfügt über keine Zwingeranlagen und über kein eigenes Trainingsgelände. Während der Ausbildung lebt der Hund in der Familie seines Trainers. Nur so sei Gewähr gegeben, dass der Hund den nötigen Anschluss an seine menschlichen Partner hat und zudem könne der Ausbilder während dieser Zeit im ständigen Zusammenleben mit dem Hund auch alle seine charakterlichen Eigenschaften beurteilen, erklärt Schulleiter Adler. Die Tiere würden da ausgebildet, wo sie später zum Einsatz kommen - nämlich in der Öffentlichkeit und in Alltagssituationen. Selbstverständlich beginnt die Ausbildung in etwas ruhigeren Umweltbedingungen - also in der ländlichen Gegend um und in Magden. Erst später, wenn der Hund einen höheren Ausbildungsstand erreicht hat, wird er auch mitten in einer Gross-Stadt trainiert.
Eine Lektion der Ausbildung macht die Schwierigkeiten für den Blindenführhund deutlich.
Die erste Station ist das Einkaufszenter: Hier sind unzählige Klippen für einen Führhund vorhanden, an welchen man täglich achtlos vorbeigeht, weil man dies gar nicht wahrnimmt. Der Engpass zwischen dem Parkplatz und dem Abstellplatz der Einkaufswagen muss passiert werden. Der Hund soll lernen, seinen sehbehinderten Partner sicher zwischen diesen Hindernissen hindurch zu führen. Aussen ums Einkaufszenter herum und schon wartet die nächste Klippe - die Treppe. Korrekt zeigt Duke seiner Führerin diese an und lässt sich auch durch die Jugendlichen, die auf der Treppe sitzen und einen Schwatz halten, nicht von seiner konzentrierten Arbeit ablenken. Er hat sich ein Lob verdient, doch schon steht die nächste Aufgabe bevor. Die Strasse soll überquert werden. Das auch hier das korrekte Anzeigen der Randsteine zu den Aufgaben des Führhundes gehört, fällt erst auf, wenn man den Hund bei der Arbeit beobachtet. Auch diese Aufgabe beherrscht Duke schon perfekt. Nun kommt bereits die nächste Aufgabe, welche für den Hund sehr schwer ist. Das Überqueren einer schmalen Brücke, welche nur auf einer Seite mit einem Geländer gesichert ist. Hier ist die richtige Entscheidung des Hundes für seinen Führer lebenswichtig, denn ein Sturz in die Tiefe könnte schwerwiegende Folgen haben. Duke kennt diese Situation noch nicht, meistert sie aber mit Bravour und führt Lia sicher über die Brücke. «Genug für heute» bestimmt Hansjörg Adler, denn der Hund soll Freude an seiner Arbeit haben und darf keinesfalls überfordert werden. Als Belohnung darf Duke abschliessend eine Übung ausführen, welche er sehr gerne macht. Ohne Führgeschirr und entspannt an der Leine laufend geht es nun zum Postamt. «Billeta» lautet das Hörzeichen, wenn der Hund einen Schalter anzeigen soll. Vor der Post wird dem Hund das Führgeschirr wieder angelegt und Duke kann seine «Lieblingslektion» zeigen. Danach ist das Training beendet und Duke verwandelt sich vom «Blindenhund-Lehrling» im Führgeschirr zum munteren Deutschen Schäferhund an der normalen Leine.
Das Ziel ist erreicht....
Die Ausbildung von Duke ging in grossen Schritten voran. Dann stand die Hauptprobe für die Abschlussprüfung am Bahnhof in Zürich bevor. Da an der Abschlussprüfung mit den offiziellen Experten keinesfalls eine Ablenkung des Hundes erwünscht ist, durften wir die Hauptprobe begleiten.

Eine Stunde lang einem Führhund und seinem nicht sehenden zweibeinigen Partner zu folgen und mitzuverfolgen, wie der Hund sicher und souverän durch die verschiedensten Situationen führt, ist zutiefst beeindruckend.
Am 4.12.2003 fand dann die offzielle Abschlussprüfung statt, die offiziell «Abschlussprüfung Ende Ausbildung» heisst. Bei der Bewertung wird die Arbeit des Hunden in Kategorien unterteilt und verschiedene Aufgaben werden bewertet. Beim Verhalten bei Hindernissen erhielt Duke in allen 9 Bereichen die Höchstnote sehr gut. Beim Befolgen der Hörzeichen sind es elf Bewertung – und es gab 3 mal gut und 8 mal sehr gut. Verhalten bei der Führarbeit gab 8 mal die Bestnote «sehr gut» und im Allgemeinen Verhalten wurden alle fünf Aufgaben mit «sehr gut» bewertet. In der abschliessenden «Leinenführigkeit und Unterordnung» erreichte Duke einmal gut und fünf mal «sehr gut» . Kein Wunder, dass Schulleiter Hansjörg Adler und Ausbildnerin Lia nach der Prüfung um die Wette strahlten.
Bereits bei der Prüfung stand fest, dass Duke zu Beatrice W. kommen wird und wir begleiteten Duke und Lia zu einem Besuch. Zum zweiten Mal stand ein gemeinsamer Spaziergang auf dem Programm. Duke hatte bereits einen Wochenend-Urlaub in seiner neuen Familie verbracht und die Wiedersehensfreude war gross. Besonders die Tochter von Beatrice W. konnten es kaum erwarten, bis dann Duke endgültig einziehen wird. Sein Schlafkorb im Flur stand schon seit dem ersten Besuch bereit.
Am 6. Januar 2004 zog Duke endgültig nach M. in seine Familie um und absolvierte zusammen mit seiner Ausbildnerin und Beatrice W. die beiden Einführungswochen. In dieser Zeit wurde die neue Halterin mit den Kommandos, der Pflege und der Haltung ihres neuen Begleiters vertraut gemacht. «Ich freue mich sehr auf diesen Hund, denn ich musste längere Zeit warten, bis ich einen Führhund bekomme» sagte Beatrice als es das letzte Mal hiess, sich von Duke zu abschieden und tröstete ihre Tochter mit den Worten: «Bald ist Duke für immer hier!»
Text und Bilder: Erika Städeli Scherrer